Grabbes Herzog Theodor von Gothland auf dem Theater in Detmold und Paris

Podiumsgespräch am 16. September 2017, 17 Uhr, auf der Studiobühne im Grabbe-Haus

Teilnehmer:

  • Dr. Christian Katzschmann, Chefdramaturg, Landestheater Detmold
  • Jürgen Popig, Leitender Dramaturg Schauspiel, Theater Heidelberg
  • Tatjana Rese, Regisseurin und Autorin, Berlin
  • Bernard Sobel, Regisseur, Paris

Leitung: Prof. Dr. Lothar Ehrlich, Weimar

Nach der Inszenierung von Martin Kusej 1993 am Staatstheater Stuttgart entstand bei Dramaturgen und Regisseuren zunehmendes Interesse an Grabbes Tragödie von 1822. Besonders nach dem Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 und den nachfolgenden Kriegen nicht nur im Nahen Osten provoziert das historische Stück die aktuelle Frage, inwieweit es tatsächlich gelungen ist, die universellen humanen Werte der europäischen Aufklärung praktisch durchzusetzen.

Grabbe gestaltet im Gothland einen extremen Gegenentwurf zu den anthropologischen und geschichtsphilosophischen Konzepten des Idealismus, indem sein ursprünglich „guter“ Held zum „wilden Tier“, zur „Bestie“ mutiert, wodurch eine nicht mehr kontrollierbare Spirale wechselseitiger Aggressivität und  Bestialität entsteht. Das Theaterstück mit seiner schockierenden Gestaltungsweise vermag szenisch eindrucksvoll zu vergegenwärtigen, dass die Emanzipation des Menschen und der zivilisatorische Fortschritt durch die politischen, sozialen und militärischen Konflikte unserer Zeit zurückgeworfen werden.

Tatjana Rese inszenierte Herzog Theodor von Gothland am Landestheater Detmold in der Spielzeit 2014/2015, Bernard Sobel im Théâtre de l‘Epée de Bois in Paris-Vincennes 2016. Diese Arbeit des bedeutenden Regisseurs, der auch Napoleon oder die hundert Tage (1996) und Hannibal (2013) herausbrachte und den das Goethe-Institut für die Inszenierungen deutscher Dramen (neben Grabbe von Lessing, Lenz, Kleist, Büchner, Brecht, Heiner Müller u. a.) in Frankreich 2008 mit der Goethe-Medaille auszeichnete, erlebte über 20 Aufführungen!

Im Podiumsgespräch der Dramaturgen und Regisseure wollen wir uns über die inhaltliche und ästhetische Modernität von Grabbes Gothland anhand der beiden Inszenierungen verständigen.