Nach der Besprechung der Detmolder Birkenwald-Uraufführung lässt Theater der Zeit in der April-Ausgabe ein Interview mit der Autorin des Stückes, Henriette Dushe, folgen. Das vollständige Interview wurde uns freundlicherweise von Theater der Zeit  zur Verfügung gestellt und ist hier: Henriette Dushe_Theater der Zeit abrufbar.

Frau Dushe lenkt darin das Gespräch auf ihre Wahrnehmung der noch immer deutlichen ost- / westdeutschen Verwerfungen im gegenseitigen kulturellen Verständnis. Dabei offenbart sie sich selbst als die eigentlich subjektive Trägerin dieses Grabens. Jedenfalls deutet der in dieser Form veröffentlichte Gesprächstext darauf hin.

Die Dramatikerin stammt aus Halle an der Saale, einer Stadt, deren Erscheinung gegenüber der Zeit vor 1989 kaum wiederzuerkennen ist – doch es gibt noch Reminiszenzen. Ein solcher Kaninchenbau findet sich im gewaltigen Plattenbaukomplex in Halle-Neustadt, dessen überkommen futuristische Atmosphäre ein Gefühl von Realitätsentrücktheit vermittelt. Dem Stadtteil wurde im Übrigen ein eigenes Stück gewidmet: „Neu statt sterben“ von Katharina Brankatschk, uraufgeführt 2015.

Jedenfalls, dass der Birkenwald im „tiefsten Westdeutschland“, „in Detmold“ gespielt werde, findet Henriette Dushe „ein bisschen verrückt“. Ihrer Ansicht nach gehörten ihre Stücke „eigentlich an ostdeutsche Bühnen“. Im Zusammenhang mit dem in Jena verliehenen Lenz-Preis für den Birkenwald und der damit verbundenen Möglichkeit einer dortigen Uraufführung sagt Frau Dushe: „Jena war auch eine kleine Hoffnung darauf, sozusagen nach Hause zu kommen.“ Zu Recht bemerkt sie: „Wenn ich heute an einer Quizshow teilnehmen möchte, muss ich alle Fakten über die Bundesrepublik wissen, über die DDR aber nichts.“

In diesem tiefsten detmoldischen Westdeutschland, wo der Birkenwald seine Uraufführung erlebt, ringt bereits zweitausend Jahre zuvor Grabbes Hermann um irgendeine Art von Einheitsgefühl unter den Germanen:

HERMANN        Deutschland!

EINIGE IN SEINEM HEER     Er spricht oft davon. Wo liegt das Deutschland eigentlich?

EINER              Bei Engern, wie ich glaube, oder irgendwo im kölnischen Sauerlande.

ZWEITER        Ach was! es ist chattisches Gebiet.

HERMANN     Und kennst du deinen Namen nicht, mein Volk?

STIMMEN       O ja, Herr – wir sind Marsen, Cherusker wir – wir Brukterer, Tenkterer –

Ist der Birkenwald ein ostdeutscher Forst? An dieser Stelle bringt sich Thomas Rosenlöchers Harzreise, Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern, in Erinnerung. Rosenlöcher setzt sich selbst als Erzähler und unternimmt im Jahr 1991, anlässlich der Währungsunion, eine in Dresden beginnende Harzreise. In ebenso scharf kritisierender wie humorvoller Art stilisiert der Harzreisende die Begegnungen mit Ossis und Wessis bis ins Phantastische hinein. Schließlich erlebt er seine eigene Wiedergeburt als Gesamtdeutscher in einem Fichtenhain:

Endlich betrat ich den Wald mit meinen neuen Schuhen. […] Der Weg war unbeschreiblich, allein schon der Wurzeln wegen. Einmal führte er mich auf eine Gruppe kleiner, dunkler Fichten zu, die vor mir auseinanderrückten und mich in das Innere führten, wo eine Lichtabschüttung war. So daß ich da hindurchging. Und eine Stimme sprach: »Dies ist mein Sohn Karl-Heinz.«

(Rosenlöcher, Thomas: Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1991. S. 89.)