Der Grabbe-Preis ist zurück mit geballter Ladung. Henriette Dushe erhält für In einem dichten Birkenwald, Nebel eine Förderung von 5000 €, das Stück wird am Landestheater Detmold uraufgeführt und in der Zeitschrift Theater der Zeit veröffentlicht.
Am 16. Januar 2015 findet in Grabbes Geburtshaus die Preisverleihung statt, bevor an demselben Abend Grabbes konvulsivischer Gothland am Landestheater Premiere feiert.
15. Januar 2016, genau ein Jahr später. Zuschauerraum des Detmolder Sommertheaters, Reihe 7, Platz 7. In einem dichten Birkenwald, Nebel. Eine Bühnenelegie für drei Spielerinnen und einen Männerchor von drei Stimmen.
Los gehts.
„Wie schön bist du,
freundliche Stille, himmlische Ruh!
Sehet, wie die klaren Sterne
wandeln in des Himmels Auen,
und auf uns herniederschauen
schweigend aus der blauen Ferne.“
Sie eröffnen mit Schuberts Die Nacht. Wir werden Die Nacht noch öfter im Verlauf des Stückes hören. Drei Männer im Brautkleid. Drei Frauen im Clownskostüm. Regisseur Malte Kreuzfeldt hat im Unterschied zur Vorlage die Frauen nicht als Ronald McDonald verkleidet, sondern als psychotisch aussehende Joker-Gestalten. Wir sind mit ihnen im nebligen Birkenwald. Drei Frauen. Drei Männer. Untereinander, miteinander, gegeneinander vollführen die beiden Trios einen beeindruckenden verbalen Capoeira-Tanz auf dem Grat zwischen Selbstbefreiung und Psychopathologie. Sie ergänzen sich, fallen sich ins Wort, korrigieren einander und bilden gelegentlich einen Chor, um gemeinsam ein Lied anklingen zu lassen.
„Da ist dieser eiserne Helm über meinem Kopf“
„Ein tickendes Uhrwerk unter meiner Stirn“
„Das Gesicht löst sich ganz langsam im Spiegel auf“
„Fuck, Fuck, Fuck“
Es gibt viele niveauvolle und komplizierte Bezeichnungen dafür, was den Protagonisten widerfahren ist. Fakt ist, sie sind mit einem Tritt aus ihrer bisherigen Lebenswelt herausgeschmissen worden und finden sich nun im Birkenwald. Ein Raum hinter den Räumen. Die Frauen bringen Äxte mit. Die Männer roden damit den Wald. Zusammen rekonstruieren sie ihr individuelles gemeinsames Elend, denken an ihre bisherigen Leben mit Ekel, Wut, Abscheu. Nicht erfüllte Erwartungen, Ichideale, die andere ihnen eingepflanzt haben.
Und das Ganze dauert nur eine Stunde! Eine Stunde, in der die Schauspielerinnen und Schauspieler exzellent und taktfest mit Worten musizieren.
Die Zeit sehen die Männer als Feind an. Nun sind sie im Birkenwald, wo es keine Zeit, kein kausales Handeln gibt, wo die Chance besteht, sich zu besinnen, sich zu finden. Dramaturg Christian Katzschmann spricht von der „Birkenwald-Methode“ als einem Ausstieg aus dem Lebenskarussell, um Zweifeln nachzugehen, innezuhalten, zu kontemplieren, wahre Entscheidungsfreiheit zu gewinnen. Der Birkenwald ist keine Stagnation, keine resignierte Selbstaufgabe, er ist der Übergang zur Selbstbefreiung aus der Matrix.
Aber was ist jetzt mit Grabbe? Der Gothland war ein heilloses Gemetzel. Und das Gemetzel ist auch bei Henriette Dushe anzutreffen, die inneren Reibungen, Schmerzen, Verzweiflungen, sie stehen dem Gegeneinanderschlagen von Schwertklingen, dem Schädelzertrümmern mit Äxten und gegenseitigem Massakrieren von Finnen und Schweden in nichts nach. Herzog Theodor von Gothland wird von der Nachricht über den Tod seines Bruders aus seiner Seligkeit hinausgestoßen. Doch geht er nicht in den Birkenwald, sondern vollzieht das genaue Gegenteil der von Katzschmann geschilderten Methode: Ablenkung in blindem Aktionismus. Destruktion. Blutdurst. Aber auch Grabbe kennt den Birkenwald. Er ist da. Als Auge des Orkans in den großen Schlachten. Man muss nur hinschauen.
Napoleon: Ha! Meine Schlachtendonner wieder – – In mir wirds still – – –
Hannibal: Nächte, wo wir tief in Schnee uns hüllten, um nicht zu erfrieren, wo über mein halbtotes Heer die Sterne am klarsten Himmel glitzerten, als geschähe eben nichts …
Hermann: Ich will mich an diese alte Rüster von Eiche lehnen und so die Nacht durchwachen. … Wie der Sturm in den Ästen heult und die Wolken hin und her über den Wald jagen … will noch der Morgen nicht kommen? Er wird blutig werden, aber ich hab ihn immer lieber, als diese wüste Stille …

© Robert Weber 2016